Deutscher Gewerkschaftsbund

04.02.2015

Nach dem Karneval ... die Revolution!

Zum 200. Geburtstag von Andreas Gottschalk

Wie jedes Jahr findet im August 1846 die Brigitten-Kirmeß im Kirchspiel St. Martin auf dem Alter Markt in Köln statt. Nach der Prozession am Sonntag wird noch zwei Tage lang ausgelassen gefeiert, Jugendliche zünden Kanonenschläge und Schwärmer an. Hartnäckig bemüht sich der preußische Staat, dem auf dem Wiener Kongress 1815 die Rheinprovinz zugesprochen wurde, dieses tolle Treiben der »unterbürgerlichen Schichten « zu unterbinden. Trotz der sich seit 1845 verschärfenden Agrar- und Wirtschaftskrise halten gerade die Ärmsten in Köln an ihren katholisch geprägten Vorstellungen von Feiern fest. Dagegen behauptet das preußisch-protestantische Programm kapitalistischer Industrialisierung den in den 1840er Jahren auch in Köln sichtbar werdenden »Pauperismus« durch Erziehung zu Sparsamkeit und Arbeitsethik bekämpfen zu können.

Auch mit Gewalt. Am 3. und 4. August 1846 eskaliert der Konflikt. Da die Polizei die Böllerei nicht unterbinden kann, greift das preußische Militär brutal ein. Durch Säbelhiebe und Bajonettstiche werden mehrere Kirmeß-Besucher schwer verletzt, der 26-jährige Fassbindergeselle Heinrich Statz erliegt im Bürgerhospital seinen Verletzungen. Seine Beerdigung wird zu einer eindrucksvollen politischen Demonstration von etwa 5000 Kölnerinnen und Kölnern auf dem Melatenfriedhof.


Autor: Christian Frings
Der Text wurde in der Stadtrevue veröffentlicht.
Die Veröffentlichung auf der DGB-Seite ist durch den Autor freigegeben

Diese Konfrontation aus einem scheinbar banalen Anlass beleuchtet schlaglichtartig die Entwicklung in Köln, die dem Ausbruch der Revolution von 1848 vorausgeht. Zwei von Bürgern der Stadt sofort eingesetzte Untersuchungskommissionen befragen Zeugen und legen Berichte vor, die zunächst verboten und beschlagnahmt werden. Zeitungen spekulieren über die Rolle der Kommunisten bei den Ereignissen. Und tatsächlich schreibt Moses Hess, der wohl einflussreichste Kopf der kommunistischen Zirkel im Rheinland, nach den Kirmeß-Unruhen an Freunde, man sei kurz vor einem bewaffneten Aufstand gewesen.

Ein guter Freund von Moses Hess ist der junge Arzt Andreas Gottschalk. Der am 28. Februar 1815 geborene Gottschalk, dessen aus Düsseldorf stammende jüdische Familie 1825 nach Köln übergesiedelt ist, studiert in Bonn Medizin und eröffnet 1841 seine Arztpraxis in Köln. Obwohl er kein von der Stadt bestellter Armenarzt ist, wird er bekannt dafür, dass er bei der Behandlung armer Menschen nicht auf das Honorar achtet.

1844 konvertiert er zum Protestantismus — nicht wie viele andere aus Gründen der Karriere, sondern aus der politisch-religiösen Überzeugung, dass allein diese Religion die Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen verkörpere, was ihn in Konflikt mit dem kapitalistisch geprägten Protestantismus vieler Fabrikanten in der Stadt bringt. Sein Kölner Biograph Klaus Schmidt sieht in ihm einen Vorläufer der Befreiungstheologie. Religion und Kommunismus sind in den frühsozialistischen Zirkeln keine Gegensätze. Gottschalk wird Mitglied in der Geheimorganisation »Bund der Gerechten«, der sich 1847 in »Bund der Kommunisten« umbenennt.

Soweit es die Repression erlaubt, bemühen sie sich, öffentliche Arbeiterbildungs- oder Hilfsvereine ins Leben zu rufen, wie den »Allgemeinen Hülfs- und Bildungs-Verein für Köln und Deutz« von 1845. Als am 24. Februar 1848 in Paris die Monarchie durch Straßen- und Barrikadenkämpfe gestürzt wird, gelangen die ersten Nachrichten nicht zuletzt dank der zwei Jahre zuvor fertiggestellten Eisenbahnverbindung zwischen Köln und Paris bereits 24 Stunden später an den Rhein. Sofort beginnen spontane Organisierungen, an denen sich auch Andreas Gottschalk beteiligt. Auf geheimen Treffen von 130 Arbeitern wird eine große Demonstration für Freitag, den 3. März, einen Tag nach Weiberfastnacht, zur Stadtratssitzung im Rathaus vorbereitet.

Mit dieser Demonstration wird Gottschalk, der unter den Armen der Stadt hohes Ansehen genießt, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Denn er führt eine Delegation der schätzungsweise 5000 Demonstranten (bei einer Wohnbevölkerung von knapp 100000!) an, die ins Rathaus eindringt und den Ratsherren eine Petition vorlegt. Die anschließende militärische Räumung des Platzes führt zu dem berüchtigten »Kölner Fenstersturz«, Gottschalk und einige Genossen werden festgenommen. Aber mit dem 3. März hat Köln das Startsignal für die Revolution von 1848 gegeben. Am 20. März, nach den über zweihundert Toten bei den Berliner Barrikadenkämpfen zwei Tage zuvor, sieht sich der preußische König zu einer Amnestie gezwungen, auch Gottschalk kommt frei.

Nun beginnt das kurze Wirken von Gottschalk, das ihn zu einer zentralen Figur der frühen Arbeiterbewegung in Deutschland macht. Er ruft zur Bildung des Kölner Arbeitervereins auf, der sich am 13. April auf einer Versammlung von 300 Arbeitern in der Wirtschaft Simon in der Mühlengasse gründet und Gottschalk zum Präsidenten wählt. Innerhalb weniger Wochen vergrößert sich der Verein auf sieben- oder achttausend Mitglieder. In der Folge entwickelt sich ein hartnäckiger Konflikt zwischen der Kölner Arbeiterfraktion um Gottschalk, August Willich und dem Ehepaar Mathilde Franziska und Fritz Anneke auf der einen, und die erst im April nach Köln zurückgekehrte Fraktion um Karl Marx und Friedrich Engels auf der anderen Seite. Neben den üblichen Eitelkeiten und Eifersüchteleien dreht sich der Konflikt um eine bis heute relevante Frage — das Verhältnis von Sozialem und Politischem. Während Marx und Engels auf den Vorrang der bürgerlich-demokratischen Revolution als ersten Schritt setzen und das selbständige Auftreten der Arbeiterklasse für verfrüht halten, stellt Gottschalk schon aufgrund seiner persönlichen und ärztlichen Nähe zum Milieu der arbeitenden Armen deren Bedürfnisse in den Vordergrund und polemisiert gegen ein Bündnis mit der verhassten »Geldaristokratie«.

Der eigentliche Kern dieser Debatte lässt sich aus einigen wenigen, aber heftigen Schlagabtäuschen in Beiträgen Gottschalks in den Zeitschriften des Arbeitervereins und der von Marx redigierten Neuen Rheinischen Zeitung herauslesen. Als sich Anfang 1849 die Niederlage der Revolution abzeichnet, setzt Gottschalk der Marxschen Geschichtsphilosophie einen Aufruf zur »Revolution in Permanenz« entgegen. Eine Formulierung, die sich Marx später im Londoner Exil zu eigen machen wird — ohne Nennung des Vorläufers.

Durch eine auf die Heroisierung von Marx und Engels setzende Geschichtsschreibung ist das Wirken von Gottschalk in Vergessenheit geraten oder immer wieder bagatellisiert worden. Erst 1921 widmete der später für den WDR tätige Hans Stein (1894-1941) seine Doktorarbeit der Geschichte des Kölner Arbeitervereins und des Wirkens Gottschalks, mit dem erklärten Ziel, »den Nachweis zu erbringen, daß die Kölner Revolution von 1848, das so oft verspottete ›tolle Jahr‹, eben durch die Tätigkeit des Arbeitervereins nicht der Karnevalsscherz gewesen ist, als den einige Autoren diese Vorgänge dargestellt zu beliebt haben«.

Hinzu kommt, dass Gottschalk im Juli 1848 erneut festgenommen und erst Ende Dezember freigesprochen wurde. Danach konnte er im Kölner Arbeiterverein, der während seiner Knastzeit von der Marx-Engels-Fraktion übernommen worden war, nicht wieder Fuß fassen. Als im Juni 1849 Köln von einer der heftigsten Choleraepidemien betroffen ist, steckt sich Gottschalk bei seiner ärztlichen Tätigkeit selber an und stirbt 34-jährig am 9. September. Über 4000 Menschen nehmen an seiner Beerdigung auf Melaten teil. Sein 1998 zum 150. Jahrestag der 1848er Revolution vom DGB Köln restauriertes Grab trägt an den Rändern das Motto: »Eins ist nöthig, dass das Gute stets geschehe, ob man falle oder stehe, ist und bleibt dann einerlei.«


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