Deutscher Gewerkschaftsbund

30.01.2015
„ Wie jetzt? Ich dachte, Überstunden sind in der Ausbildung normal?!“

Ein Bericht über die Berufsschultour der DGB- Jugend Köln von Tobias Abt

(DGB-Jugend Berufsschulteam NRW)

DGB Jugend Köln

DGB Jugend Köln

Morgens, halb 10, in Köln- Deutz. Eine Berufsschulklasse macht Gruppenarbeit. Auf den ersten Blick könnte man meinen, in der Klasse von Werkzeugmechaniker_innen im 1. Ausbildungsjahr fände die übliche Stoffvermittlung statt. Doch heute ist etwas anders am Unterricht, anders als sonst, wenn die Auszubildenden ihrer Schulpflicht während der Ausbildung nachgehen. Statt Fertigungsprozesse, Automatisierungstechnik, oder Wirtschaftslehre stehen heute „Rechte und Pflichten während der Ausbildung“, „innerbetriebliches Mitbestimmungsrecht“ und „vom Interessenskonflikt zum Tarifvertrag“ auf dem Stundenplan. Auch die Lehrkraft verhält sich heute anders. Statt vor der Klasse zu stehen, sitzt sie am Rande des Klassenzimmers und schaut schmunzelnd zu, wie ihre Schüler_innen sich in verschiedenen Arbeitsgruppen Forderungen für einen fairen Tarifvertrag gemeinsam erarbeiten. Ein junger Mann und eine junge Frau von der DGB- Jugend betreuen und unterstützen sie dabei. Nanu? Gewerkschaftsjugend in der Berufsschule? Und eine lachende Klasse, die zumindest in einem Planspiel ihre Zukunft lernt mitzugestalten? Und auch noch Spaß dabei hat?! Das klingt aufs Erste fast unglaublich, haben doch viele beim Stichwort „Gewerkschaft“ als Erstes wütende Streiks und lahmgelegte Bahnstrecken im Kopf, die einem das Wochenende versauen können. Doch bei der alljährlichen Berufsschultour der DGB- Jugend an Kölner Berufskollegs sehen sowohl  Azubis, als auch Lehrkräfte Jahr für Jahr, dass das nicht alles ist, was Gewerkschaften zu bieten haben. Für mehrere Tage schlägt die Kölner DGB- Jugend im Herbst ihren Infostand auf dem Gemeinschaftspausenhof auf, parallel gehen dafür geschulte Zweier- Teams in die Klassen und geben einen gewerkschaftlichen Input. Der Infostand besteht aus zwei Pavillons: Der eine dient als kostenloser Kaffeeausschank und Auslage für Info- Broschüren. Hier steht Jariv Schönberg, seines Zeichens Jugendsekretär der IG- Metall, im Gespräch mit Azubis über ihre Arbeitszeiten, bei einem Becher Kaffee. Am anderen Pavillon steht Judith Gövert und spielt mit einer Gruppe neugieriger Berufsschüler_innen eine Art Glücksrad. „Sie bekommen Fragen rund um das Thema Arbeitsrecht und Politik gestellt. Bei einer richtigen Antwort bekommen sie eine Belohnung. Dabei werden ihnen spielend wichtige Aspekte von politischer Grundbildung vermittelt,“ erklärt die Jugendbildungsreferentin der DGB Region Köln- Bonn. Aus der Kaffee- Ecke empört sich ein Azubi:  „Wie jetzt? Ich dachte, Überstunden sind in der Ausbildung normal?!“ Jariv Schönberg erklärt ihm freundlich und geduldig, dass er nicht zu Überstunden verpflichtet werden dürfe. Er gibt ihm ein kleines Buch mit dem Titel „Deine Rechte während der Ausbildung“ mit und empfiehlt ihm, das Gespräch mit seinem Ausbilder zu suchen. Dankbar verabschiedet sich der Auszubildende in die nächste Schulstunde, denn die Pause ist vorbei. „Für die Berufsschultour der DGB- Jugend arbeiten junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter aus den Mitgliedsgewerkschaften zusammen und ziehen mit Spaß und Begeisterung an einem Strang,“ freut sich Judith Gövert. „Egal ob, IG- Metall- oder ver.di - Jugend, egal ob junge NGG oder junge GEW, alle haben sich zum Ziel gesetzt, Azubis für ihre berufliche Zukunft besser zu rüsten.“ Zurück ins Klassenzimmer: Die Klassenzimmer- Teamenden Svenja und Tobias sind mittlerweile in einer Berufsschulklasse mit auszubildenden Feinwerkmechaniker_innen. Es herrscht ein lebendiges Treiben, denn die Klasse muss sich auf einem am Boden angebrachten Positionierungsstrahl orientieren, um sich zu Fragen wie „Wo und wann schreibst du dein Berichtsheft?“  zu positionieren. Auf der einen Seite ist eine große Minuskarte für diejenigen, bei denen die Antwort „zu Hause während meiner Freizeit“ heißt. Die andere Seite ist mit einem Plus markiert, hier tummelt sich ein Großteil der Klasse, denn sie reagierten auf die Antwort „während der Arbeitszeit in einem dafür vorgesehenen Raum in der Firma“. Die beiden einzigen Minus- Kandidat_innen staunen nicht schlecht. Das hatten sie ursprünglich anders vermittelt bekommen, sind aber nun froh, dass das Teamenden- Duo sie aufgeklärt hat. Am Ende des 90- minütigen Gewerkschafts- Inputs bekommen auch sie das Büchlein mit Rechten und Pflichten während der Ausbildung. Zusätzlich bitten die DGB- Teamer die Feinwerkmechaniker_innen noch, den „Dr. Azubi- Bogen“ auszufüllen. Hier können die Schüler_innen anonym Angaben zu ihrer Ausbildungssituation machen. „Der Fragebogen dient dazu, Informationen für den alljährlich von der DGB-Jugend erstellten Ausbildungsreport zu sammeln,“ erklärt Svenja. „Bei der Auswertung können dann Häufungen von Missständen in betroffenen Branchen im Bereich Ausbildung erkannt und seitens des DGB öffentlich kritisiert werden. So sind wir in der Lage, Auszubildenden mit Problemen im Betrieb ein gewisses Sprachrohr zu geben, ohne den Arbeitgeber dafür direkt stigmatisieren zu müssen.“ Das klingt ziemlich durchdacht und scheint eine gute Sache zu sein. Derselben Meinung ist auch die anwesende Lehrkraft: „Ich finde es super, dass die jungen, engagierten Leute von der DGB- Jugend zu uns ins Berufskolleg kommen!

Unsere Schülerinnen und Schüler bekommen so einen praktisch vermittelten und trotzdem selbst erarbeiteten Überblick über
Mitbestimmung von Arbeitnehmenden im Berufsleben. Für deren Zukunft sind diese Informationen sehr wichtig und ich als Lehrkraft kann diese Thematik gemäß des Lehrplans im besten Falle nur anschneiden.“ Und was sagen die Azubis?  „Die nehmen unser Angebot weitestgehend sehr gut an und sind dankbar dafür, “ weiß Tobi zu berichten. „Viele haben dadurch überhaupt das erste Mal Kontakt mit
Gewerkschaften und den Meisten ist gar nicht richtig bewusst, dass das Organisieren von Arbeitnehmenden in Gewerkschaften ein Grundrecht darstellt. Zeigt man ihnen die besagte Stelle im Grundgesetz, sind die Schüler_innen dann doch recht baff.“ Eine Feinwerkmechanikerin kommt nach der Veranstaltung noch auf Svenja zu und möchte noch mehr über ihre Möglichkeiten als Arbeitnehmerin wissen. „Komm doch kurz mit uns mit an den Infostand im Hof, “ sagt Svenja lächelnd. „Die Judith kann dir darüber mehr erzählen, Tobi und ich müssen aber leider gleich wieder in die nächste Klasse.“


Für weitere Informationen rund um das Angebot der Berufsschularbeit können Sie
sich gerne mit der DGB-Jugend in Verbindung setzen:


DGB-Jugend Köln, Judith Gövert, Hans-Böckler-Platz 1, 50672 Köln
Mail: Judith(at)Goevert@dgb.de




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