Deutscher Gewerkschaftsbund

04.03.2015

Nachgefragt: Internationaler Frauentag 2015 - Warum geht die Jugend auf die Straße?

DGB Köln-Bonn

Antonia Rabente (links), Judith Gövert (rechts) DGB Köln-Bonn

Am 8. März wird seit über 100 Jahren der Internationale Frauentag auf der ganzen Welt gefeiert. Im August 1910 schlug Clara Zetkin auf der zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen die Einführung eines internationalen Frauentages vor. Die Idee kam allerdings von den Frauen der Sozialistischen Partei Amerikas, deren Nationales Frauenkomitee einen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht einführte. Dieser fand dort 1909 zum ersten Mal statt. Heute wird er weltweit von politischen Organisationen am 8. März begangen. Ging es anfangs primär um das Wahlrecht für Frauen, soll er heute daran erinnern, dass Frauen auch im 21. Jahrhundert immer noch in verschiedenen Bereichen des Lebens benachteiligt und unterdrückt werden. Ungleiche Löhne, eingeschränkte Rechte, sexualisierte Gewalt oder Beschneidung sind einige der vieldiskutierten Themen.

2015 ruft die DGB-Jugend gemeinsam mit den DGB-Frauen Köln zu einer Aktion zum Internationalen Frauentag am Kölner Dom auf. Wir haben die Vorsitzende der DGB-Jugend Köln Antonia Rabente und die Kölner DGB-Jugendbildungsreferentin Judith Gövert befragt, warum der Internationale Frauentag auch junge Menschen auf die Straßen treibt. 

Frage: Am 8. März ruft die Gewerkschaftsjugend bundesweit in vielen Städten zu Aktionen auf. In Köln mobilisiert ihr mit den DGB Frauen zum Kölner Dom. Warum ist der Internationale Frauentag auch für junge Menschen von Interesse? 

Antonia Rabente: Der Kampf für Geschlechtergerechtigkeit ist keine Frage des Alters. Die Forderungen im Aufruf zum Internationalen Frauentag 2015 des DGB können wir alle durchweg mit unterschreiben. Zwei Drittel der Erwerbstätigen im Niedriglohnsektor sind weiblich. Die Forderungen nach einem wirksamen und geschlechtergerechten Entgeltgleichheitsgesetz, einen Rechtsanspruch auf die Rückkehr aus Teilzeit in Vollbeschäftigung, faire Aufstiegschancen für Frauen, die Aufwertung frauendominierter Berufe und die nachhaltige Reform von Minijobs sind berechtigt und dringend erforderlich um bessere Rahmenbedingungen für eine eigenständige Existenzsicherung von Frauen zu schaffen. Das sind alles Dinge, von denen die heutige Jugend profitieren würde.

Judith Gövert:  Hinzu kommt, dass Frauen in den letzten Jahren in keinem gesellschaftlichen Bereich so aufgeholt haben wie in der Bildung. Sie erreichen im Durchschnitt höhere und bessere schulische Abschlüsse, sie gehen öfter auf das Gymnasium und erlangen häufiger das Abitur als Männer. Der schulische Erfolg schlägt sich allerdings nicht in der beruflichen Karriere nieder. Das macht unsere Aktiven in der Gewerkschaftsjugend wütend und gerade junge, gut ausgebildete Frauen haben ein Interesse dieses Unverständnis auch öffentlich zu machen. 

Frage: Welche Probleme von Frauen seht ihr auf dem Arbeitsmarkt? 

Antonia Rabente: Im DGB NRW FrauenDatenReport 2013, mit dem wir uns im Stadtjugendausschuss auseinandergesetzt haben, sind die größten Defizite ausgewertet. Gut die Hälfte der weiblichen Erwerbstätigen arbeitet in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis – also in Teilzeit, Leiharbeit oder einem Minijob. Viele Frauen arbeiten unfreiwillig in Teilzeit. Mehr als zwei Drittel aller Minijobbenden in NRW sind Frauen. Ihnen werden Perspektiven genommen, heute und besonders für das Alter. Altersarmut ist weiblich. Laut dem oben genannten Report haben Frauen in NRW eine Altersrente von durchschnittlich 491 Euro, Männer hingegen bekamen im selben Jahr fast das Doppelte. Jede dritte Frau in NRW bezieht einen Niedriglohn. Männliche Führungskräfte verdienen um einiges mehr im Job als ihre Kolleginnen. Obwohl das Landesgleichstellungsgesetz NRW vor über 10 Jahren in Kraft getreten ist, sind Frauen in den Leitungsebenen fast aller Beschäftigungsbereiche der Landesverwaltung NRW unterrepräsentiert. Der durchschnittliche Bruttoverdienst von Frauen in NRW lag 2011 um 25 Prozent unter dem der Männer. 

Frage: Der Unterschied im durchschnittlichen Bruttoverdienst von 25 Prozent erklärt sich aber über das Berufswahlverhalten junger Frauen. Diese entscheiden sich noch immer öfter für sogenannte typische Frauenberufe, die in der Regel deutlich schlechter bezahlt werden als die sogenannten Männerberufe. Sind sie dann nicht selber schuld? 

Judith Gövert: Diese Frage suggeriert, dass es ausschließlich an den jungen Frauen liegt, die eben die „falschen“ Berufe wählen und deshalb „selber schuld“ sind, wenn sie keine existenzsichernde Beschäftigung finden. Das Berufswahlverhalten junger Menschen gestaltet sich in der Tat noch immer nach alten Rollenbildern und stereotypen Zuschreibungen an die jeweiligen Berufe. Das ist so! Eines unserer Ziele muss sicherlich sein, dieses endlich aufzubrechen. Dafür muss es aber ein gesamtgesellschaftliches Umdenken geben. Schon im Kindesalter müssen wir nach Talent und nicht nach Geschlecht fördern. Aber: Es kann auch nicht nur das Ziel sein möglichst viele junge Frauen in die sogenannten „Männerberufe“ zu bekommen. Die Branchen, in denen verstärkt Frauen arbeiten, sind Zukunftsberufe. Gerade die Berufe in Gesundheit, Erziehung, Pflege und Sozialer Arbeit, die weiblich dominiert sind, werden wir in Zukunft Nachwuchskräfte brauchen. Sie sind für die positive Entwicklung unserer Gesellschaft von einem unschätzbaren Wert. Wir müssen dringend ihre Attraktivität steigern und das vor allem in Hinblick auf Arbeitsbedingungen und Entlohnung, aber auch bezogen auf die gesellschaftliche Anerkennung. Ver.di hat zu diesem Thema die Kampagne „Sozial- und Erziehungsdienste: aufwerten jetzt!“ gestartet. Der Name trifft es auf den Punkt! Jede_r profitiert im Laufe seines Lebens von den Menschen, die in diesen Branchen arbeiten. Also: aufwerten jetzt! 

Frage: Neben den arbeitsmarktpolitischen Themen, was bewegt euch noch zum Weltfrauentag? 

Antonia Rabente:  Nicht nur am Weltfrauentag geht es mir um die rechtliche, politische und wirtschaftliche Gleichstellung aller Geschlechter. Die Liste der Bereiche, in denen Frauen noch nicht gleich gestellt sind ist so lang, dass ich hier nicht alles nennen kann. Jede dritte Frau in Europa war schon mal Opfer männlicher Gewalt. Solange das so ist werde ich nicht schweigen und immer wieder mit dem Finger drauf zeigen. Außerdem rede ich bewusst von der Gleichstellung ALLER Geschlechter. Derzeit läuft eine Klage für einen dritten Geschlechtseintrag. Klar ist: Es gibt Menschen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen. Für mich ist es wichtig auch hierzu Stellung zu beziehen: Die Diskriminierung von LSBTTIQ* findet noch immer statt. Deshalb ist mir auch eine gendergerechte Sprache wichtig. Sie ist ein kleiner Baustein hin zu einer gendergerechten Welt.

Judith Gövert:  Es ist auch wichtig den Blick über unseren Tellerrand hinaus zu lenken. Wir solidarisieren uns mit Frauen auf der Flucht und im Asyl. Gewalt gegen Frauen steht in vielen Ländern, auch hier, auf der Tagesordnung. Die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche von weiblichen Embryonen weltweit ist höher als die der männlichen und zwei Drittel der Menschen die nicht schreiben und lesen können, sind Frauen und Mädchen. In vielen Ländern der Welt werden Mädchen noch vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet. UNODC ermittelte, dass in 79% der Fälle die Opfer von Menschenhandel Mädchen und Frauen sind. Wir treten ein für menschenwürdige Bedingungen für Frauen - überall.

Frage: Möchtet ihr noch etwas loswerden?

Judith Gövert:  Ja. Wir müssen die Arbeitswelt familienfreundlicher gestalten. Der Ausbau von Kinderbetreuung und Ganztagsschulen sind wichtige Faktoren, um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu verbessern. Das gesellschaftlich tradierte Rollenbild des männlichen Familienernährers wirkt in vielen Bereichen unverändert fort. Durch eine Vielzahl von falschen Anreizen, wie zum Beispiel dem Ehegattensplitting, wird es sogar staatlich gefördert. Damit muss Schluss ein!

Antonia Rabente:  Genau. Außerdemfordern wir einen gesellschaftlichen Diskurs über Arbeits- und Lebenszeit und neue Arbeitszeitmodelle! Wir fordern, dass sich ALLE Geschlechter für ein gerechtes Zusammenleben einsetzen! Hate sexism!
Also: Heraus zum internationalen Frauentag 2015! Gründe gibt es leider immer noch genug.

LSBTTIQ*: Steht für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen.


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