Deutscher Gewerkschaftsbund

14.06.2018
STANDPUNKT

Arbeit der Zukunft

Die Arbeitswelt verändert sich ständig. Mit der Digitalisierung und Globalisierung nimmt die Geschwindigkeit der Veränderung deutlich zu. Was kommt auf uns zu? Wie sieht die Arbeit von morgen aus? Geht uns die Erwerbsarbeit aus? Welche Auswirkungen haben die Veränderungen auf unsere Gesellschaft und welche Verantwortung trägt die Gesellschaft? Hierzu 10 Thesen von Jörg Mährle, Geschäftsführer der DGB-Region Köln-Bonn.

  • 1. Technologischer Wandel verändert ständig die Arbeitswelt ... und die Gesellschaft

    Nichts ist so beständig wie der Wandel. Das gilt auch für die Arbeitswelt. Technische Entwicklungen haben immer zu Veränderungen geführt, die zum Zeitpunkt der Entstehung kaum zu erahnen waren. Was für uns heute selbstverständlich ist, war irgendwann eine Innovation.

    Einige Beispiele: Die Erfindung des Buchdrucks hat eine Medien- und eine Bildungsrevolution hervorgebracht und war damit eine technische Voraussetzung für Meinungsfreiheit oder Informationsfreiheit. Die Erfindung der Dampfmaschine war Voraussitzung für den Übergang von Agrar- und Handwerkstätigkeiten hin zu industriellen Arbeitsplätzen. Sie ist aber auch Voraussetzung für die Globalisierung, weil sie mit den Weiterentwicklungen (Eisenbahn, Motorschiff usw.) dazu beitrug, dass Entfernungen schneller, einfacher und gezielter Überwunden werden konnten. Die Entdeckung, Erforschung und Nutzbarmachung von Strom oder die Erfindung von Bakelit als erstem vollsynthetischen Kunststoff haben die Gesellschaft nachhaltig verändert. Dabei waren die Auswirkungen der Veränderungen vorher nicht erkennbar. Dass Strom bis 2013 in den USA auch für Hinrichtungen genutzt wurde, konnte Graf Volta nicht ahnen.

    Die Digitalisierung führt seit 40 Jahren zu erheblichen Veränderungen der Arbeitswelt (Textverarbeitung vs. Schreibkräfte, Online-Banking vs. Bankfilialen, Vermittlungsplattformen, Online-Handel vs. stationärer Handel, Online-Medien vs. Print-Medien ...). Und es geht rasant weiter, z.B. mit autonomen Systemen, die fast ganz ohne menschliche Arbeit funktionieren.

  • 2. Technologischer Wandel in der Arbeitswelt schafft "Verlierer" und "Gewinner"

    Ein Beispiel: Das Auto verdrängte Kutscher, Stallbesitzer, kleinbäuerliche Heuproduzenten usw. In der Folge entstanden aber deutlich mehr Arbeitsplätze, z.B. in der Automobilproduktion, im Taxigewerbe, bei Tankstellen.

    Durch den technologischen Fortschritt können schwere, gefährliche oder monotone Arbeiten durch Maschinen ersetzt werden: Also eine Humanisierung der Arbeit. Der Einsatz der ersten Produktionsroboter bei VW hat aber auch zu einer heftigen Diskussion über Rationalisierung und die Abschaffung menschlicher Arbeit geführt.

    Technologischer Fortschritt schafft aber auch neue Berufsbilder und Arbeitsplätze: Webdesigner/innen oder Social Media Manager/innen sind dafür zwei einprägsame Beispiele.

    Bisher hat technologischer Fortschritt in der Summe immer zu mehr Arbeit und neuen Arbeitsplätzen geführt. Ob diese Regel auch für die Zukunft gilt, kann niemand mit Sicherheit sagen.

    Wichtig ist dabei aber: Diese Aussage hilft nicht den Menschen, die wegen des technologischen Fortschritts ihre Arbeit (und damit die Existenzgrundlage) verloren haben oder verlieren werden.

  • 3. Gesellschaftliche (Macht-)Verhältnisse und Werte geben die Richtung vor

    Dass es in Deutschland keine nennenswerte Textilindustrie mehr gibt und keine Produktion von Computern, liegt nicht am technologischen Wandel, sondern an der Globalisierung, an Kosten, an Gewinninteressen, an marktwirtschaftlichen Gesetzen ... oder an der Dominanz des Kapitals, um an den 200. Geburtstag von Karl Marx zu erinnern.

    Wenn man Arbeit überwiegend als Ressource sieht - wie Rohstoffe, Energie usw. - dann ist es konsequent, den technologischen Wandel zur Ressourcenoptimierung (und damit Rationalisierung) einzusetzten statt zur Humanisierung der Arbeit. Mit dieser marktwirtschaftlichen und kapitalorientierten Ausrichtung ist es auch nicht verwunderlich, dass in Deutschland mit der Digitalisierung eine Zunahme von (neuen) prekären Arbeitsformen verbunden ist (Uber, Deliveroo, Crowdsourcing wie MyHammer oder Helping), dass Digitalisierung vermehrt zur Arbeitsüberwachung eingesetzt wird, dass eine Flexibilisierung häufig zu Lasten der Beschäftigten stattfindet (On-Demand-Economy, Arbeitseinsatz statt Arbeitsverhältnis), dass bestehende Schutzfunktionen von Tarifverträgen oder betrieblicher Mitbestimmung von einigen Unternehmen massiv bekämpft werden, dass mit Werkverträgen und Leiharbeit das unternehmerische Risiko verlagert wird, und dass damit insgesamt der Kostendruck auf alle Unternehmen steigt.

    Und wenn dann noch Verbraucher/innen dem Mantra "Geiz ist geil" folgen, Billigtextilien bei Primark kaufen, Handwerker über Unterbietungsportale beauftragen und mit ihrem Konsum globale Konzerne unterstützen, die mit ihren Steuervermeidungstrategien oder ihrer Tarifverweigerungshaltung zu einer Abwärtsspirale bei den Arbeitsbedingungen und Löhnen beitragen, schließt sich der Kreis der Verantwortungslosigkeit.

  • 4. Die Diskussion über die "Arbeit der Zukunft" muss daher auch eine Diskussion über die Zukunft der Gesellschaft beinhalten

    Technologische Entwicklung ist für sich genommen weder gut noch schlecht. Sie kann zu einer Humanisierung der Arbeit, zu mehr Wohlstand, zu einer nachhaltigen Wirtschaft und einem besseren Leben beitragen. Sie kann aber auch genau das Gegenteil bewirken.

    Gerade das Ausmaß der anstehenden Veränderungen - eine Untersuchung des IAB geht davon aus, dass 46% der Tätigkeiten im Helferbereich, 45% im Fachkräftebereich, 33% im Spezialistenbereich und 19% im Expertenbereich substituiert werden können - zeigt, wie wichtig es ist, diesen Prozess nicht dem freien Spiel der Märkte zu überlassen. Wir brauchen gesellschaftliche Ziele und politische Rahmenbedingungen, um die sozialen Folgen der Veränderungen zu bewältigen. Wir brauchen sie aber auch, weil mit der fortschreitenden Digitalisierung neue (ethische) Fragen beantwortet werden müssen: Wenn Unternehmen wie Apple mit ca. 890 Mrd. USD oder Google mit 763 Mrd. USD zwischenzeitlich Börsenwerte erreichen, die mehr als doppelt so hoch sind wie die Ausgaben des Bundes, dann stellt sich die Frage , ob diese Entwicklung für eine demokratische Gesellschaft noch zuträglich ist. Gleiches gilt, wenn die durch spekulative Geschäfte selbstverschuldete Insolvenz von Banken dazu führt, dass Steuerzahlende in Haftung genommen werden ... oder wenn Automobilhersteller mit Betrugssoftware arbeiten. Der Eindruck, je größer ein Unternehmen desto weniger Verantwortung und Haftung, ist eine Gefahr für die Demokratie und den Rechtsstaat und erinnert sehr an feudale Strukturen.

    Einfluss haben aber auch bestehende soziale und arbeitsrechtliche Sicherungssystem: Zumutbarkeits- und Sperrzeitregelungen für Arbeitslose bestimmen, ob Menschen gezwungen sind, prekäre Arbeitsverhältnisse aufzunehmen. Gesetzliche Regelungen (oder Unterlassungen) zu Teilzeit, Befristung, unbezahlten Überstunden, Minijobs oder Werkverträgen definieren einen Rahmen, der von Unternehmen genutzt wird. Die Beispiele zeigen: Die vorhandenen Rahmenbedingungen bieten nur sehr begrenzten Schutz gegen Fehlentwicklungen. Sie bieten im Gegenteil „Schlupflöcher“, die besonders von neuen Geschäftsmodellen der Plattformökonomie genutzt werden. Hier stellt sich die Frage, ob wir das als Gesellschaft weiter zulassen wollen - und mit Blick auf die zunehmende soziale Spaltung - zulassen dürfen.

  • 5. Entfesselung und Liberalisierung sind das Problem und nicht die Lösung

    Der Casino-Kapitalismus, der zur Bankenkrise führte, die Steuervermeidungsstrategien von  Apple, IKEA & Co oder die zunehmende Tarifflucht zeigen, dass Entfesselung und Liberalisierung zu gesellschaftlichen Fehlentwicklungen beitragen und die sozialen Spaltung fördern.

    Die Wahlkampf-Aussage "Sozial ist, was Arbeit schafft" ist Hohn in den Ohren derer, die sich mit mehreren Minijobs über Wasser halten müssen oder trotz 40-Stunden-Woche kaum über dem Existenzminimum liegen. Die Prekarisierung der Arbeit schreitet voran - mittlerweile beträgt der Anteil von Niedriglöhnen in Deutschland rund 25%, der Anteil der Leiharbeit ist auf 3% gestiegen, Mini- und Midijobs auf 22,8%, Teilzeitbeschäftigung auf 25,5%, Befristungen auf 7,8%, Soloselbständige auf 5,5%. Was diese abstrakten Zahlen für die Menschen bedeuten, ist vielfach für bestimmte Branchen – beispielsweise Hotel- und Gaststättengewerbe, Reinigungsgewerbe, Logistik, Einzelhandel – dokumentiert.

    Was macht die skizzierte Entwicklung mit den Arbeitnehmer/innen, die von dieser Prekarisierung noch nicht persönlich betroffen sind? Nach Untersuchung der Böckler-Stiftung aus 2018 breiten sich Abstiegsängste und soziale Verunsicherung bis weit in die Mitte der Gesellschaft aus. Viele Beschäftigte, die ihren Job für sicher halten, sorgen sich um ihren Lebensstandard oder die Alterssicherung und erleben zunehmenden Druck und Kontrolle bei der Arbeit. Eine Folge: Das Misstrauen in staatliche und politische Institutionen steigt, weil sie ihrer Schutzfunktion nicht gerecht werden.

    Ein Grund für dieses Bedrohungsgefühl ist - neben der schon skizzierten Dominanz von Kapitalinteressen - die Entstehung von neuen (Qualifikations-)Anforderungen an Arbeitnehmer/innen. Ein zweiter Grund liegt in den regelmäßigen Versuchen von Wirtschaftsverbänden und wirtschaftsliberalen Multiplikatoren aus Politik und Wissenschaft, bestehende Arbeitsschutzregeln (z.B. Arbeitszeiten, Ruhezeiten, Erreichbarkeit ...) im Sinne von mehr betriebswirtschaftlicher Flexibilisierung aufzuweichen. Ein dritter Grund liegt darin, dass betriebswirtschaftliche Unternehmensrisiken mehr und mehr ausgelagert werden (Werkverträge, Leiharbeit ...).

  • 6. Ohne Kurswechsel verstärkt der technologische Wandel die soziale Spaltung

    Schon heute haben wir einen stark polarisierten Arbeitsmarkt. Zum einen zwischen Management und Beschäftigten – der Amazon-Gründer „verdient“ beispielsweise TÄGLICH ungefähr so viel wie eine Versandmitarbeiter/in in EINEM JAHR; zum anderen werden in Sozial-, Pflege- und Erziehungsberufen trotz Fachkäftemangel deutlich geringere Löhne gezahlt als in der Industrie; und schließlich nimmt der Anteil der Menschen mit Niedriglöhnen und prekärer Beschäftigung ständig zu.

    Bertelsmann-Stiftung und OECD bringen es auf den Punkt: Technologischer Wandel und Globalisierung setzten vor allem die Mitte des Arbeitsmarkts unter Druck. Beschäftigungswachstum findet an den unteren und oberen Lohnrändern (und Qualifikationsniveaus) statt. Damit werden die klassischen Tätigkeiten für Facharbeiter/innen entwertet. Eine Gefahr ist die Entstehung eines „Digitalen Präkariates“ analog zum „Proletariat“ der Industriellen Revolution.

    Dabei gilt: Digitalisierung und Globalisierung können den Arbeitsmarkt nur so stark unter Druck setzten, weil in Deutschland - und Europa - Deregulierungen auf den Arbeitsmärkten stattfanden oder -finden. Außerdem fehlt es an Kontrollen.

  • 7. Wert der Arbeit neu definieren

    Die Zunahme von prekärer und atypischer Beschäftigung, die Abnahme von Tarifbindung, der geringe Abstand zwischen Lohn und Transferleistung, die hohe Zahl von Menschen mit aufstockender Sozialleistungen neben einem Job, der Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen, Generation Praktikum ... sind Zeichen, dass der Wert von Arbeit primär über betriebswirtschaftliche und marktwirtschaftliche Kennzahlen definiert wird. Volkswirtschaftliche oder gesellschaftliche Aspekte spielen kaum eine Rolle. Die Eingruppierung von Berufen im Sozial-, Pflege- und Erziehungsbereich ist ein Beispiel: Gesellschaftlicher und betriebswirtschaftlicher Nutzen stehen unversöhnlich  gegeneinander. Und das ist nur ein Beispiel für BEZAHLTE Arbeit. Gesellschaftlich notwendige aber UNBEZAHLTE Arbeit - Kindererziehung, Familienpflege, Ehrenamt ... - werden ganz ausgeblendet und kommen in der Diskussion über die Arbeit der Zukunft kaum vor.

  • 8. Innovationen nicht nur technikzentriert denken

    Die Diskussion über die Arbeit der Zukunft ist häufig sehr technikzentriert. Wie verändert die Digitalisierung die Arbeit? Werden Roboter künftig menschliche Arbeitskraft verdrängen? Wie müssen sich Arbeitnehmer/innen über Qualifikation und (Weiter-)Bildung auf die Veränderungen einstellen ... oder genauer gesagt: anpassen.

    Eine Diskussion kommt häufig zu kurz: Welche gesellschaftlichen oder sozialen Innovationen sind notwendig, um den Wandel zu gestalten? Beispiele aus der Vergangenheit zeigen die große Bedeutung und nachhaltige Wirkung dieser Form von Innovationen (Sozialversicherung, Gründung von Gewerkschaften, Arbeitsschutz, allgemeine Schulpflicht ...). Konkret für die Frage von Digitalisierung bedeutet das: Wie können wir den Sozialstaat stärken, damit die möglichen negativen Folgen von Digitalisierung und Globalisierung abgefedert werden? Wie können wir den Menschen vor dem Hintergrund der immer schneller verlaufenden Veränderungen ein Gefühl von Sicherheit vermitteln?

    Zum Teil wird die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) als soziale Innovation diskutiert. Es wird als Alternative zu existierenden Missständen präsentiert und greift den Wunsch nach mehr Autonomie statt Fremdbestimmung auf. Ob sich dieses Glücksversprechen wirklich realisieren lässt, ist offen. Es besteht aber auch die Gefahr, dass ein BGE nur als „soziales Pflaster“ einer neoliberalen Gesellschaft die moderne Form der römischen Herrschaftsmaxime „Brot und Spiele“ verkörpert.

  • 9. „Zukunft der Arbeit“ ist eine Verteilungsfrage

    Die Zukunft der Arbeit ist primär keine Frage des technologische Fortschritts sondern eine Verteilungsfrage: Wie verteilen wir die (sich ändernde) Arbeitsmenge? Wie verteilen wir den Produktivitätsgewinn? Wie können wir - letztlich wieder durch Verteilung - unsere sozialen Sicherungssysteme so stabilisieren, dass sie ihrer Sicherungsfunktion noch gerecht werden? Wie gelingt es, die monetäre Wirtschaft (Finanzwirtschaft, Börse) deutlich stärker am gesellschaftlichen Nutzen auszurichten? Wie organisieren wir Solidarität zwischen den Menschen sowie zwischen Menschen und Unternehmen?

  • 10. Veränderung ist gestaltbar

    Digitalisierung und technischer Fortschritt sind keine fremdgesteuerten Prozesse. Erfindungen werden von Menschen gemacht und es sind wiederum Menschen, die diese Erfindungen anwenden, einsetzen, vermarkten und verbreiten. Wirtschaftssysteme werden von Menschen gemacht und sind gesellschaftlich gewollt. Damit besteht aber auch die Möglichkeit der Einflussnahme - gerade in einem demokratischen System. Als Gesellschaft können wir entscheiden, ob alles, was technisch möglich ist, auch frei umgesetzt werden kann. Als Gesellschaft definieren wir die Spielregeln. Die rasend schnellen Veränderungen machen es notwendig, Regeln ständig zu hinterfragen und anzupassen. Dass ist die eigentliche Herausforderung, der sich die Gesellschaft - und besonders die Parteien - verstärkt widmen müssen. Auf die Selbstregulierung des Marktes zu vertrauen, reicht mit Blick auf die Geschwindigkeit von Veränderungsprozessen nicht aus.


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