Deutscher Gewerkschaftsbund

26.06.2023
Nachgefragt mit Rainer Bohnet

Mobilitätswende konkret

Wie kann die Mobilitätswende Fahrt aufnehmen?

Die Schiene ist der Straße weit voraus, wenn es um die Verringerung von Treibhausgasemissionen geht. Mehr als drei Mal so viel CO2 werden pro Person und Kilometer bei einer Reise mit dem Auto im Ver-gleich zu einer Bahnreise ausgestoßen. Im Güterverkehr ist der ökologische Fußabdruck der Straße sogar sieben Mal größer als der der Schiene. Die "Stärkung der Schiene" ist in Deutschland ein erklärtes Ziel von Politik und Eisenbahnbranche. Wie steht es um den Ausbau der Schiene in der DGB-Region Köln-Bonn? Wir befragen dazu Rainer Bohnet, stellvertretender Vorsitzender des DGB Bonn/Rhein-Sieg und Vertreter der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft im Kreisvorstand.


Frage: Wie steht es um den Ausbau der Schiene in der DGB-Region Köln-Bonn?
Rainer Bohnet:
In der gesamten Region Köln/Bonn wurde seit Jahrzehnten zu wenig Geld in den Schienenausbau investiert. Die bestehenden Gleise laufen seit Jahren an der Kapazitätsgrenze, so dass kleinste Störungen zu einem Ausfall von ganzen Strecken führen können. Jetzt wird es angesichts des Klimawandels und der dringend notwendigen Verkehrswende entscheidend, Planungen und Ausbau zu forcieren.

Frage: Was sind die Gründe für die schleppende Umsetzung von Schienenprojekten?
Rainer Bohnet: Lange Jahre hat es am Geld gefehlt. Heute fehlt es an Fachkräften. Außerdem sind die planungsrechtlichen Rahmenbedingungen für neue Bahnstrecken äußerst komplex, langwierig und werden von Klagen begleitet. Und dann gibt es immer wieder eklatante Planungsfehler wie der vergessene Brückenbau in Troisdorf.

Frage: Welche Neubauten sind aus Deiner Sicht wichtig?
Rainer Bohnet: Zunächst muss die rechtsrheinische S13 möglichst rasch fertig gestellt werden. Sie kostet bereits heute 750 Millionen Euro und es wäre ein Treppenwitz, wenn die zu Tage getretenen Planungsmängel (Brückenneubau in Troisdorf, Kapazitätsengpässe auf der S-Bahn-Strecke zwischen Troisdorf und Köln Hansaring) nicht korrigiert würden.

Parallel dazu muss die Siegstrecke zweigleisig ausgebaut werden. Hierbei geht es um die Stabilisierung des S-Bahn-Verkehrs zwischen Troisdorf und Au (Sieg), die infrastrukturelle Stärkung des Großraums Siegen und der dortigen Industrie sowie um die Entlastung der beiden Rheinstrecken. Parallel dazu muss die Siegstrecke durchgängig mit Schallschutz ausgerüstet werden, um Anwohnende zu schützen und möglichen Klagen vorzubeugen. Die Mobilitätswende gelingt nur, wenn die Interessen der Anwohnenden ausreichend berücksichtigt werden.

Ein weiteres wichtiges Projekt ist der Ausbau der linken Rheinstrecke, um dort eine S-Bahn zwischen Köln Hbf und Bonn-Bad Godesberg zu realisieren. Hierfür gibt es bis heute keine konkreten Planungen und in Bonn keine Vorstellungen, wie der Ausbau auf Bonner Stadtgebiet bei der Bevölkerung auf Akzeptanz stoßen wird. Zuvor müssen endlich sogenannte „kleine Maßnahmen“ umgesetzt werden, wie z.B. ein neues Überholungsgleis in Bornheim-Sechtem sowie in Brühl, neue Signal- und Stellwerkstechnik und die Beseitigung von Bahnübergängen.

Frage: Wie ist der Stand bei den Elektrifizierungen in der Voreifel und im Ahrtal?
Rainer Bohnet: Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal, bei der die Eisenbahnstrecke komplett zerstört wurde, wird sie neu aufgebaut und elektrifiziert. Letzteres wird auch bei der Voreifelbahn in Angriff genommen. Dazu gibt es vereinfachte Planfeststellungsverfahren und die Finanzierung ist sicher.

Frage: Gibt es Neuigkeiten bei kommunalen und regionalen Stadtbahnprojekten?
Rainer Bohnet: Die rechtsrheinische Stadtbahn von Bonn über Niederkassel in den Kölner Süden ist auf einem guten Weg. Der Rhein-Sieg-Kreis hat die Planungen forciert und sie werden jetzt sukzessive konkretisiert. Die Stadt Bonn plant neben der Seilbahn auch die Westbahn. Es wäre gut, wenn diese Planungen bald konkreter würden, denn diese Straßenbahn ist für die Verkehrswende von sehr großer Bedeutung. Auf der Linie 66 zwischen Siegburg und Bonn wird ab 2025 ein Fünf-Minuten-Takt eingeführt. Neue Stadtbahnen sind bestellt und neue Straßenbahnen für die Bonner Linien 61 und 62 werden bereits ausgeliefert.

Frage: Wie sieht es finanziell bei den Verkehrsunternehmen aus?
Rainer Bohnet: Der gesamte öffentliche Verkehr steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Allein der Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS) hat für 2022 ein Defizit von 110 Millionen Euro zu verzeichnen. Auf der anderen Seite gibt es mit dem Deutschlandticket endlich eine innovative Neuerung im Tarifdschungel. Diese muss aber dauerhaft finanziell gesichert werden. Die Finanzierung des ÖPNV muss auf neue Füße gestellt werden. Dabei sind das Land NRW und der Bund gefordert.

Frage: Die Bahn und alle Verkehrsunternehmen brauchen dringend neues Fachpersonal. Wie kann das gewonnen werden?
Rainer Bohnet: Die Deutsche Bahn AG braucht angesichts des altersbedingten Ausscheidens der Babyboomer rund 20.000 neue Fachkräfte. Dazu brauchen wir eine gute Bezahlung und attraktive Arbeitsbedingungen, für die die EVG kämpft. Wir brauchen auch dringend die Zuwanderung von qualifizierten Menschen aus anderen Ländern. Denn alle kommunalen Verkehrsunternehmen konkurrieren um neue Bus- und Bahnfahrer*innen.

Frage: Welche Wünsche formulierst Du an die Politik?
Rainer Bohnet: Für mich ist entscheidend, dass die Politik mutige Entscheidungen trifft und auch dort hin geht, wo es weh tut. Der Bund und die Länder müssen den Kommunen finanziell helfen, damit diese ihre Daseinsaufgaben erbringen können. Und die komplexen Entscheidungs- und Planungsprozeduren müssen dringend entflechtet und transparenter gestaltet werden. In diesem Zusammenhang müssen die Schienenprojekte bis zum Ende durch finanziert sowie mit konkreten Fertigstellungsterminen geplant und gebaut werden.


Hinweis: In der Reihe „Nachgefragt“ veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen ausführliche Stellungnahmen und Positionen von gewerkschaftlichen Expert*innen aus der Region Köln-Bonn. „Nachgefragt“ bietet nicht nur ausführliche Hintergrundinformationen, sondern spiegelt immer auch die persönliche Sichtweise der jeweiligen Expert*innen wider. Die Texte können für Medienberichterstattungen genutzt werden. Weitere Veröffentlichungen aus der Reihe „Nachgefragt“ finden Sie auf unserer Internetseite www.koeln-bonn.dgb.de/nachgefragt. Dort können Sie „Nachgefragt“ auch als RSS-Feed abonnieren.

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