Deutscher Gewerkschaftsbund

03.05.2019
Verleihung Hans-Böckler-Preis am 30.04.2019

Laudatio von Georg Restle

+++ Es gilt das gesprochene Wort +++

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, liebe Preisträger, liebe Gäste.

Was hält eine demokratische Gesellschaft in ihrem Innersten zusammen? Ihre politischen Institutionen? Ihre Verfassung? Ihre Regeln und Gesetze? Ja sicher, ohne die würde es nicht funktionieren. Und doch wäre all dies nichts wert, ohne die Menschen, die sich tagtäglich dafür einsetzen, dass es in diesem Land gerechter, demokratischer, humaner zugeht. Die nicht nur sich selbst, sondern das Große und Ganze im Blick behalten, ihre Umwelt und ihre Mitmenschen - und die für ihr Engagement Anfeindungen in Kauf nehmen, manchmal sogar blanken Hass oder berufliche Nachteile. Und manche setzen sogar ihre eigene Gesundheit aufs Spiel. Auf solche Menschen, auf solche Kämpfer und Kämpferinnen, kommt es in einer demokratisch verfassten Gesellschaft an – und deshalb freue ich mich sehr, dass genau solche Menschen heute hier geehrt werden und dass ich sie ehren darf.

Man mag eine solche Ehrung für eine Selbstverständlichkeit halten, und das wäre es ganz sicher auch in Zeiten, in denen sich eine freiheitliche Gesellschaft ihrer Grundwerte und –freiheiten sicher ist. Aber die Zeiten sind eben nicht ganz so. Wenn der Begriff „Gutmensch“ bei vielen nur noch als Schimpfwort gilt. Wenn ein Bekenntnis zum Humanismus als „Hypermoralismus“ verunglimpft wird. Und wenn die größte Oppositionspartei im deutschen Bundestag wichtige Errungenschaften der Zivilgesellschaft in Frage stellt. Dann wird eine solche Preisverleihung auch zu einem politischen Statement. Ein Statement für die Unantastbarkeit der Menschenwürde, für die Unteilbarkeit der Solidarität und für die kulturelle Vielfalt in diesem Land.

Für all dies steht Günther Wallraff ganz sicher in herausragender Weise. Und ich freue mich sehr, dass mit ihm zum ersten Mal ein Journalist mit dem Hans-Böckler-Preis ausgezeichnet wird. Ein ganz besonderer natürlich. Einer, der Vorbild geworden ist für viele – aber auch Feindbild für nicht wenige:

Weil er einen Journalismus verkörpert, der heute mehr denn je in der Kritik steht und den es umso dringlicher zu verteidigen gilt: Ein Journalismus, der aufdeckt und enthüllt, was die Mächtigen in diesem Land unter Verschluss halten wollen, ob als Hans Esser bei der BILD oder als türkischer Industriearbeiter Ali in „Ganz unten“.  Ein Journalismus, der sich nicht scheut, Position zu beziehen und sich mandatorisch an die Seite der Benachteiligten und Entrechteten zu stellen.

Ein Journalismus, der aus seiner Haltung keinen Hehl macht, weil Grundwerte wie die Menschenwürde eben niemals zur Disposition gestellt werden dürfen. Insoweit war und ist Günter Wallraff immer ein Kämpfer und sein Journalismus immer ein kämpferischer im Sinne der Menschenrechte. Einer der sich ganz bewusst gemein gemacht hat mit vielen, die sonst keine Stimme gehabt hätten, seien es ausgebeutete Arbeiter, misshandelte Obdachlose oder entrechtete Flüchtlinge. In diesem Sinne steht Günter Wallraff für einen engagierten Journalismus, wie ihn Egon Erwin Kisch verstanden hat. Ein Journalismus, der eben nicht nur abbildet, was ihm in den Notizblock diktiert wird, sondern selbst an die Brennpunkte dieser Gesellschaft vordringt; da wo es weh tut – und das ist in Günter Wallraffs Fall durchaus wörtlich zu verstehen.   

Dabei ging es ihm immer darum, Missstände nicht als zufällige Einzelfälle, sondern als gesellschaftlichen Zustand erkennbar werden zu lassen - einer Gesellschaft da den Spiegel vorzuhalten, wo sie in ihrer kaschierten Ungerechtigkeit, ihrem verkappten Rassismus, ihrer verschleierten Menschenfeindlichkeit eben nur dadurch erkennbar wird, indem man sie und die in ihr Herrschenden mit allen Regeln der journalistischen Kunst demaskiert.   

Joseph Pulitzer hat das einmal so ausgedrückt: „Es gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel, kein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans Tageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen lächerlich. Und früher oder später wird die öffentliche Meinung sie hinwegfegen.“

Das mag heute in Zeiten der tausendfachen Sender im Internet sehr optimistisch klingen – aber methodisch klingt es bei Günter Wallraff ganz ähnlich:

„Ich wählte das Amt des Mitwissers, um ein Stück weit hinter die Tarnwand von Verschleierung, Dementis und Lügen Einblick nehmen zu können. Die Methode, die ich wählte, war geringfügig im Verhältnis zu den rechtsbeugenden Maßnahmen und illegalen Erprobungen, die ich damit aufdeckte.“

Man mag dies als ein journalistisches Verhältnismäßigkeitsprinzip bezeichnen; als geeignetes, erforderliches, ja notwendiges Mittel, um Machtmissbrauch zu enttarnen. Aber es ist eben auch ein flammender Appell an die Wahrhaftigkeit, der heute wichtiger ist denn je. Denn es gibt keine Wahrhaftigkeit ohne Meinungsfreiheit und keine Meinungsfreiheit ohne Journalisten, die sich mutig dafür einsetzen. Gegen die „Lügenpresse“-Krakeeler vom rechten Rand, die unter Wahrheit nur ihre eigene Wahrheit verstehen. Gegen Politiker der AfD oder der FPÖ, die Journalisten, die ihnen nicht in den Kram passen, aus allen Funktionen entfernen wollen. Gegen Rechtsextremisten, die Journalisten auf die Straße zerren oder gleich verbrennen wollen, die sie auf offener Straße jagen und verprügeln  und dafür von braven Bürgern Applaus bekommen. In solchen Zeiten, in denen Lügen zu alternativen Fakten werden und unbequeme Wahrheiten zu Fake News, braucht es Journalisten wie Günter Wallraff – und deshalb erhält er heute diesen Preis für sein Lebenswerk völlig zurecht.

Ich möchte die Gelegenheit heute aber auch zu einem persönlichen Dank nutzen. Denn welcher Journalist kann schon von sich behaupten, dass ein Urteil nach ihm benannt wurde, das heute quasi Gesetz geworden ist? Die so genannte „Lex Wallraff“ macht es Journalisten wie mir heute wesentlich leichter, investigativen Journalismus zu betreiben, ohne stets den Atem des Staatsanwalts im Nacken zu spüren.

Wie oft schon haben wir bei MONITOR davon profitiert, dass da einer mal den Mut, die Kraft und die Ausdauer hatte, vor Gerichten durchzukämpfen, was damals eben nicht selbstverständlich war: Dass Journalisten und Journalistinnen Schutz brauchen, wenn sie ihren Job richtig gut machen wollen. Dafür meinen Dank, auch im Namen meiner Redaktion und vieler Journalisten und Journalistinnen, die sich heute tagtäglich auf den steinigen Weg investigativer Recherchen machen.

Aber es wäre zu wenig, Günter Wallraff heute nur als Journalisten zu ehren. In seinem humanistischen Engagement ist er weit über das hinausgegangen, was zur  gängigen Berufsbeschreibung eines Journalisten oder Schriftstellers gehört. Sein Einsatz für die Geflüchteten und Verfolgten dieser Welt machte vor seiner eigenen Haustüre nicht Halt. Und auch das ist durchaus wörtlich zu verstehen.

Ob Salman Rushdie oder andere: Für Günter Wallraff war der Einsatz für die Unterdrückten und Geächteten nie nur berufliches Interesse, sondern Lebensaufgabe. In diesem Sinne kann man ihn ganz sicher als ganzheitliches humanistisches Gesamtkunstwerk bezeichnen, dabei immer streitbar, niemals angepasst und den Mächtigen stets unbequem. Leider sind Typen wie er unter heutigen Journalisten etwas aus der Mode gekommen.

Deshalb verstehe ich diese Preisverleihung an ihn heute auch als Appell vor allem an jüngere Kollegen und Kolleginnen, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen. In diesen Zeiten haben wir Vorbilder wie Günter Wallraff dringend nötig. Und auch deshalb: Meine Hochachtung für Ihr Lebenswerk und herzlichen Glückwunsch Günter Wallraff zur Verleihung des Hans-Böckler-Preises!

Und damit komme ich zu den zweiten Preisträgern von heute Abend. Zunächst muss man der Jury zu dieser Wahl gratulieren; weil es wohl kaum eine bessere Kombination hätte geben können.  Eine Organisation, die sich „ganz unten“ dafür einsetzt, dass sich der digitale Raubtierkapitalismus nicht noch tiefer in die Mitte der Gesellschaft vorfrisst.

Günter Wallraff hat in seinem Vorwort zu „Ganz unten“ geschrieben: „Ich habe mitten in der Bundesrepublik Zustände erlebt, wie sie eigentlich sonst nur in den Geschichtsbüchern über das 19. Jahrhundert beschrieben werden.“ Ziemlich genau so könnte man auch die Arbeitswelt der Menschen beschreiben, für die sich „Liefern am Limit“ einsetzt.

Wer kennt sie nicht, die Essenskuriere auf ihren Fahrrädern mit dem schweren Gepäck auf dem Rücken, die bei jedem Wetter unter enormem Zeitdruck durch die Innenstädte kurven – und dass das auf Kölner Straßen und Radwegen alles andere als ein Vergnügen ist, liebe Frau Reker, sei hier nur am Rande angemerkt. Denn eigentlich geht es um etwas anderes. Es geht darum, dass der globale Plattformkapitalismus mit seinen prekären Arbeitsbedingungen nicht zum arbeitsrechtlichen Role Model der digitalisierten Arbeitswelt wird: Dezentrale, befristete Beschäftigungsverhältnisse ohne jegliche Mitbestimmung – bei ständiger Überwachung durch den Arbeitgeber. Keine Arbeitskleidung, mickrige Entlohnung. Gegen all das wehrt sich eine mutige junge Truppe mit ganz neuen Kampfmethoden:

Ob über die sozialen Medien, mit deutschlandweiten Aktionstagen oder mit Flashmobs: „Liefern am Limit“ zeigt, was Solidarität auf der Straße heute immer noch bewirken kann. Dass Mitbestimmung gegen alle Widerstände von Unternehmen durchgesetzt werden kann. Wie hartnäckig diese Widerstände allerdings sein können, auch das mussten die heutigen Preisträger am eigenen Leib erfahren. Die scheinbar so hippen Startups halten nämlich wenig von selbstbewussten Angestellten, Betriebsräten und Gewerkschaften – und wehe dem, der da aufbegehrt,  der ist seinen Job schnell los.

„Es war ein verzweifelter Hilferuf und wir waren uns nicht einmal mehr sicher, ob er irgendwen erreichen würde. Aber wir hatten nichts mehr zu verlieren.“ So startete die Initiative vor gerade mal einem Jahr. In dieser kurzen Zeit  haben sie es mit ihrem „Hilferuf“ erstaunlich weit gebracht: bundesweit in die Medien, in die Parlamente, sogar bis ins Arbeitsministerium und die Internationale Arbeitsorganisation. Damit haben sie auf beeindruckende Art und Weise dazu beigetragen, dass der brachiale Abbau von Arbeitnehmer/innen-Rechten in der digitalen Arbeitswelt eben nicht geräuschlos über die Bühne gebracht werden kann. Dafür haben sie Anfeindungen ihrer Arbeitgeber, ja sogar den Verlust ihrer Jobs in Kauf genommen. Die Härte, mit der diese Unternehmen gegen ihre eigenen Angestellten vorgehen, sobald diese von ihren Rechten Gebrauch machen wollen, lässt einen dabei erschaudern.

Da feiert ganz offensichtlich ein „Herr-im-Haus“-Denken Wiederauferstehung, wie wir es von Großunternehmern des 19. Jahrhunderts kennen, die Streiks ihrer Mitarbeiter als Majestätsbeleidigung begriffen haben.

Dass die Preisträger von heute sich von all dem nicht haben entmutigen lassen, ihren Kampf für andere weiter geführt haben und damit auch dafür gesorgt haben, dass das Thema auf der politischen Tagesordnung blieb, dafür haben sie allen Respekt und alle Anerkennung verdient.

Aber es geht nicht nur darum, sondern um viel Grundsätzlicheres: Die Initiative „Liefern am Limit“ kämpft dafür, dass die politischen Auseinandersetzungen, die Kämpfe und Streiks von Gewerkschaften, von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen nicht umsonst waren; dass wir nicht zurückkehren in die Rechtelosigkeit der Industrialisierung; dass Flexibilität eben nicht gleichgesetzt werden darf mit Ausbeutung.

„Liefern am Limit“ führt diesen Kampf nämlich nicht nur für sich selbst, sondern stellvertretend für alle, die als Paketboten, bei Fahrdiensten oder in Call-Centern die düsteren Schattenseiten der boomenden Plattformökonomie erleben und erleiden.

Und auch das ist wichtig: sie führen diesen Kampf nicht nur in Deutschland sondern gemeinsam mit Mitstreitern und Mitstreiterinnen in ganz Europa.

Das ist gelebte internationale Solidarität, das sind wahrhaft gewerkschaftliche Tugenden im Sinne von Hans Böckler oder - wie es einer der Preisträger von heute sagte: „Gewerkschaft ist, was man selbst draus macht“. Genau so ist das: Mit ihrer Initiative „Liefern am Limit“ machen sie all denen Mut, die sich in der Vereinzelung und Vereinsamung der unschönen neuen digitalen Arbeitswelt verloren fühlen. Sie zeigen, wie es geht, dass es anders geht und wie man die eiskalten Kapitalisten der Plattformökonomie gemeinsam das Fürchten lehrt. Für mich sind sie damit die wahren Helden und Heldinnen der Straße.

Für die Initiative „Liefern am Limit“ erhalten Sarah Jochmann, Orry Mittenmayer, Keno Böhme und David Paulussen dafür heute den Hans-Böckler-Preis. Dazu meinen ganz herzlichen Glückwunsch – und machen Sie weiter so!


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